WAZ vom 07.03. 1984
Britische Partnerstadt
mit sieben Gesichtern
North-Tyneside - eine Stadt mit einer atomwaffenfreien Zone
OER-ERKENSCHWICK (wem). Seit 10 Jahren besteht nun die Städte-Partnerschaft zwischen Oer-Erkenschwick und dem englischen North Tyneside. Allerdings war in den letzten Jahren der Austausch zwischen den beiden Städten weniger rege, doch jetzt soll es, geht man nach den einhelligen Äußerungen von Kommunalspitzen hüben und drüben, wieder aufwärts gehen mit den Kontakten. Grund genug für die waz, sich mit Brian Lincoln, Jimmy Bambarough und George Anderson, drei kommunale Größen in North Tyneside, einmal über Leben und Leute in ihrer Stadt zu unterhalten.Die drei Besucher aus dem nahe der Grenze zwischen england und Schottland gelegenen North Tyneside sind stolz darauf, daß sie eine so vielseitige Stadt haben. Da gibt es zum einen eine Vielzahl an Industrien in der aus sieben Gemeinden gebildeten Stadt mit 200 000 Einwohnern.
DIE IDYLLISCHEN Ecken in der Partnerstadt North Tyneside locken zahlreiche Besucher an. Doch die Stadt hat auch seine Probleme. waz-Bild: Archiv
"Wir haben bei uns eine Zeche mit 700 Arbeitern, Schiffsbau-Industrie, Maschinenbau, Bohrinsel-Fabrikation und eine Vielzahl kleinerer Industriebetriebe", betont Jimmy Bambarough und fügt hinzu: "darüber hinaus besitzen wir den größten Fischerei-Hafen in der Region." Doch trotz dieser Industrie hält sich die Umweltverschmutzung durch diese Betriebe stark in Grenzen, meint Bürgermeister George Anderson. Außerdem habe sich North Tyneside zur nuklearfreien Zone erklärt und die Labour-Politiker sind froh, daß die umstrittene Wiederaufarbeitungsanlage für Atommüll in Windscale nicht, wie ihre Stadt, an der Nordsee liegt.
Wegen der in Grenzen gehaltenen Umweltverschmuzung ist es für die North Tynesider auch möglich, Touristen an ihre Küsten zu holen, vor allem Skandinavier. Bieten können die Nordengländer ihren Gästen allerhand: historische Burgen, auf denen noch echte Dukes wohnen, Reste des alten Grenzwalles der Römer, des Limes, eine schöne Küste, Vergnügungsparks und Hunderennen.
Probleme bereitet den Labour-Politikern in North Tyneside dagegen die überdurchschnittliche Arbeistlosigkeit in ihrer Stadt, die inzwischen 13 % erreicht hat. Hinzu kommt, daß die konservative Regierung unter "Maggie" Thatcher im sozialen Bereich kräftig streicht, was natürlich Arbeitslose und andere knapp Bemittelte stark trifft. "We don`t like Mrs. Thatcher!", meint denn auch Jimmy Bambarough und fügt hinzu, daß er den Einzug des ausgesprochen Thatcher-Gegners Thomas Benn ins britische Parlament in der vergangenen Woche ausdrücklich begrüßt.
SEHENSWÜRDIGKEITEN zeugen von der industriellen Tradition North Tynesides, die in den verschiedenen Baustilen zum Ausdruck kommt. waz-Bild: Archiv
Die Förderung des Friedens ist in der Partnerschaftsurkunde zwischen Oer-Erkenschwick und North Tyneside ausdrücklich betont. Gefragt, ob die kritische Haltung der Labour-Party zur EG nicht dem Frieden entgegenlaufe, meint Bürgermeister Anderson, daß seine Partei nicht gegen die Europäische Gemeinschaft sei, sondern lediglich gegen die Politik des EG-Parlaments: "Wir sind nicht gegen den gemeinsamen Markt, nur geht es nicht an, daß die Deutschen und die Briten so viel einzahlen, während die anderen Länder nur bekommen." Sorgen bereitet den drei lokalen Polit-Größen der geplante Bau eines Atomkraftwerkes in der Nähe ihrer Stadt an der Nordsee. Entsprechend ihrer "nuklearfreien Politik" sind die Labour-Politiker entschieden gegen den Bau einer solchen Anlage und Bürgermeister George Anderson bekennt in dieser Frage Sympathien für eine auch in England agile Umweltschutzgruppe: "Ich finde Greenpeace gut."

