Stimberg Zeitung vom 08.04.1988
Englisches Tagebuch
Oer-Erkenschwick. Anstrengend aber lehrreich war die Reise einer kleinen Oer-Erkenschwicker Gruppe in die
englische Partnerstadt North Tyneside. In offizieller Mission waren dort Bürgermeister Clemens Peick und
Stadtdirektor Jürgen Naroska unterwegs, einige andere hatten sich als Privatpersonen angeschlossen.
Unter ihnen der Schreiber dieser Zeilen. Los ging es per Flugzeug ab Amsterdam-Schiphol, der Flieger landete in Newcastle.
Der dortige internationale Flugplatz gehört sieben Städten beziehungsweise Distrikten. Auch der
Oer-Erkenschwicker Partnerstadt North Tyneside.
Begrüßt wurden die Oer-Erkenschwicker unter anderem von Bürgermeister Ernie Dalziel und dessen
Stellvertreter Norman Hunter. Beide erschienen übrigens mit der dort obligatorischen Amtskette und
die Gäste konnten sich einige Seitenhiebe auf ihren Bürgermeister Clemens Peick nicht verkneifen, denn
der hatte seine Amtskette natürlich nicht dabei.

Die Stellung des Bürgermeisters in England ist in der Praxis allerdings auch eine ganz andere als die in
unseren Breiten. Er hat rein repräsentative Aufgaben und er bleibt auch nur ein Jahr im Amt. Sein
Nachfolger ist in aller Regel sein Stellvertreter. Sein Vorgänger, in diesem Fall Frank Mavin ( 80 ) ist
bei offiziellen Anlässen stehts dabei.
Am nächsten Tag stand die Besichtigung der Nissan-Autofabrik im benachbarten Sunderland auf dem Programm.
Fließbandarbeit, wie sie im Buche steht. Neben der normalen Frühstücks- Mittagspause gibt es
übrigens keine kurzen Erholungspausen, wie sie bei uns in Tarifverträgen für Bandarbeiter
festgeschrieben sind. Lediglich zu Arbeitsbeginn, 8 bis 8:05 Uhr, ist eine "Besprechung" aller Abteilungsmitglieder
angesetzt. Das ist die englische Variante der fünf Minuten, in denen in den japanischen Werken gemeinsam
Frühsport betrieben wird. Wenn auch nicht morgens, so können Nissan Mitarbeiter doch im eigenen
Werksverein Sport treiben und wer von der 470 köpfigen Belegschaft, darunter etwa 40 Japaner, gern japanisch
essen möchte, der kann das in der reich bestückten Kantine auch tun. 1986 fuhr das erste Auto vom Band
und die englischen Nissan-Kollegen sind fest davon überzeugt, daß sie bessere Wagen bauen als
die Japaner selbst. Übrigens sind alle Mitarbeiter mit der gleichen blauen Kombination bekleidet. Die
Bürokräfte sind alle in einem Großraumbüro untergebracht, nur der Werkchef hat wegen
der Vertraulichkeit seiner Arbeit eigene vier Wände. 1992 sollen übrigens in Sunderland 200 000 Autos vom Band gehen.
Derzeit sind es 27 000.
Da war der Bummel durch das Metro Center von Dunston schon wesentlich angenehmer. Für 500 Millionen Mark wurde hier ein
Einkaufszentrum geschaffen, in dem man stundenlang "shopping" gehen kann. Eine kleine Welt unter Glas , die mehr
an das Düsseldorfer Kö-Center als an den Löhrhof-Betonklotz in Recklinghausen erinnert.
Interessant am nächsten Tag der Besuch in den BBC-Fernsehstudios von Newcastle. Hier wird ein lokales Fernseh- und
Rundfunkprogramm für die Region gemacht. Insgesamt gibt es 22 solcher Studios in England, das außen rosarot gestrichene
von Newcastle ist das modernste. Hier werden wegen der modernen Technik auch Programme für die Londoner Zentralsendungen der
"alten Mutter BBC" aufgezeichnet.
Nach der "Fernseh-Schau" der Empfang durch Bügermeister Dalziel und Stadtdirektor Brian Lincoln. Hier kam es
in den Reden von Peick und Dalziel zu dem in dieser Zeitung schon oft beschriebenen gemeinsamen Wunsch nach partnerschaftlichen
Kontakten mit einer Stadt in der DDR. North Tyneside verhandelt mit Rostock, Oer-Erkenschwick wäre für eine
Vermittlung durch die Engländer dankbar. Bürgermeister Dalziel und Stadtdirektor Lincoln versprachen diese
Hilfestellung.
Danach ein Besuch in einem der elf städtischen Seniorenheime North Tynesides. Außerdem gibt es noch 65 private. Die
Zahl der Altenheime macht schon deutlich, wie groß diese Stadt North Tyneside ist. Ungefähr 100 Schulen gibt es für
35 000 Kinder und Jugendliche. Allerdings sind viele Bildungsanstalten akut von der Schließung bedroht, weil die
Mittel für ihre Unterhaltung einfach nicht mehr aufzubringen sind. So ist es kein Wunder, daß in dieser Labour-Hochburg
immer wieder harsche Kommentare in Richtung London und da vor allem an die Adresse von Margret Thatcher abgegeben werden.
"Man läßt uns verbluten", ist die Meinung der "Gordies" im Norden Englands.
Da hinein paßt auch die Meldung am nächsten Tag im "Guardian": "Die vorletzte der einst 16 Zechen in
Northumberland hat dichtgemacht". Northumberland ist die Region in der North Tyneside liegt und Bürgermeister Dalziel
macht für das Zechensterben- einst gab es 16 Schachtanlagen - die Londoner Regierung verantwortlich. "Gegen die
Importkohle aus Südamerika und Australien kommen wir aus eigener Kraft nicht an, da brauchten wir Hilfe aus London.
Die kommt aber nicht und unser Land wird das Zechenschließen noch einmal bereuen". Der Guardian zitierte zur Schließung
der vorletzten Mine übrigens den ehemaligen Fußballstar von Newcastle United, Jackie Milburn, der hier bis zum
letzten Kohlewagen gearbeitet hat: "Ich kann mir meine Stadt ohne Zeche eigentlich gar nicht vorstellen aber andererseits
bin ich froh, daß kein junger Mann aus unserem Gebiet mehr in den tiefen Ashington-Schacht einfahren muß. Wir
Menschen sind nicht dazu geschaffen, dort wie die Hunde zu arbeiten".
Newcastle United Milburn's Club, stand am nächsten Tag auf dem Besuchsprogramm, der elfte der 1. Division, bei dem der
ehemalige HSV-Stürmer Kevin Keegan seine Karriere beendete, empfing Coventry City, einen Tabellennachbarn. 19 000 waren
ins modernisierte Stadion gekommen, aber die Stimmung, die wir am Fernseher von englischen Stadien vermittelt bekommen, kam
nicht auf. Die Fans durften offensichtlich weder Fahnen noch Schals mit in die Arena nehmen und die Gesänge kamen - vielleicht
wegen des starken Windes - nicht so recht zur Geltung. Was auffiel war die harte aber faire Spielweise. Es gab weder "Schwalben"
noch den "sterbenden Schwan", wer gefoult wurde , sprang sofort wieder auf und machte weiter. Die Partie endete 2:2 und
Stadtdirektor Jürgen Naroska, übrigens ein eingefleischter BVB-Anhänger, kommentierte: "Bei Borussia Dortmund ist mehr los".
Vor dem Fußballspiel nahmen die Deutschen an einer Parade eines Northumberland-Regiments teil, das in jedem Jahr
einmal am Stadtdirektor, der politischen Spitze und der Bevölkerung vorbeimaschiert. Hier spürte man wieder das völlig unbelastete
Verhältnis der Engländer zur Tradition. Die Perücke gehört für den Chefbeamten ebenso dazu wie der
Schulterumhang und die Amtskette für die Bürgermeister und ihre Frauen.
Der vorletzte Tag führte Besucher und Gastgeber durch die Grafschaft von Northumberland, wo man hinter jedem Cottage und hinter jedem Busch
Edgar Wallace, Ivanhoe oder Robin Hood vermutet. Trutzig das nie eingenommene englisch-schottische Grenzschloß "Bamburgh Castle" mit seinen
Schätzen, einmalig die "heilige Insel Holy Eiland" die bei Ebbe mit dem Auto erreicht werden kann. Ein Ort, von dem aus Nordengland
christianisiert wurde und der so sehr an die südfranzösische Carmargue erinnert.
Abends dann eine besondere Ehre, denn Stadtdirektor Brian Lincoln lud die Gäste zum Abendessen in sein Haus ein. Das ist ungewöhnlich,
denn "my home is my castle" sagen die Engländer. Wen sie dennoch in ihre eigenen vier Wände bitten, der kann stolz darauf sein.
Wir waren es und wir hoffen, daß wir uns in Oer-Erkenschwick in absehbarer Zeit revanchieren können. Und daß sich noch möglichst
viele deutsche und englische Gäste am Tyne und am Stimberg besuchen.

