10 Jahre DEF
aus: Chronik der Stadt Oer-Erkenschwick, 1. Auflage 1989, S. 277 - 281
Partnerschaften
Deutsch-Englische-Partnerschaft

Wappen von North-Tyneside
Der Deutsch-Englische-Freundeskreis (Association for partnership and friendship between North-Tyneside and Oer-Erkenschwick - wie es in feinem "Oxford-English" heißt) feiert in diesem Jahr sein zehnjähriges Bestehen. Die Suche nach den Ursprüngen für dieses Jubiläum führt den Autor dieser Zeilen jedoch wesentlich weiter in die jüngere Vergangenheit, nämlich in den August 1967! Hier entdecken wir einen Keimling, der sich in 22 Jahren zu einem prächtigen Baum mit starken Ästen und vielen Zweigen entwickelt hat; ganz im Sinne einer Freundschaft, die nur dann gedeiht, wenn in sie die Vielfalt menschlicher Wünsche und Lebensformen einfließt.
Aber zurück ins Jahr 1967. Im Sommer des Jahres findet in Newcastle ein Kongreß für deutsch-britische Partnerschaft statt. Direktor Gazzard von der Entwicklungsgesellschaft bittet den damaligen Ersten Beigeordneten vom Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk, Dr. Ing. Froriep, um den Namen einer Partnerstadt in Deutschland. Dr. Froriep denkt an Oer-Erkenschwick und wendet sich folgerichtig an den amtierenden Bürgermeister Heinz Netta. In einem Brief an Heinz Netta heißt es dabei u.a.: "Ich möchte noch hinzufügen, daß ich solche Partnerschaften, ..., für nützlich halte, indem sie zum besseren Verständnis der Völker beitragen, Vorurteile abbauen und den Blick weiten." (1) Die ins Auge gefaßte Partnerstadt liegt nördlich von Newcastle und heißt Killingworth. Sie ist erst ca. 5 Jahre alt, hat derzeit 5.000 Einwohner und soll einmal auf 20.000 Einwohner anwachsen. Rechtlich gesehen gehört sie noch zu Longbenton, wovon sie sich nach Erreichen einer bestimmten Größe lösen soll. Es kommt jedoch ganz anders.
Das Gebiet um Newcastle, so auch Killingworth, wird u.a. geprägt durch Kohle und Stahl. Beide Bereiche stecken in einer Krise, die durch wirtschaftliche Umstrukturierungsmaß-nahmen gemeistert werden soll. Die Krise des Bergbaus in der Bundesrepublik hat auch vor den Toren Oer-Erkenschwicks nicht haltgemacht. Vergleichbare Probleme, vergleich-bare Einwohnerzahl (Longbenton) und der verständliche Wunsch, Grenzen zu überwinden, machen es der Stadtvertretung am 14. September 1967 leicht, einer Partnerschaft zuzu-stimmen. Dabei ist zunächst überwiegend an einen Schüleraustausch gedacht. Weitere Maßnahmen sollen von Politik und Verwaltung geplant werden. Nach mehreren Besuchen offizieller Delegationen beginnt mit einer Gruppe von 30 Schülerinnen und Schülern der Realschule im März 1969 der Schüleraustausch. Der Gegenbesuch erfolgt bereits drei Monate später. Aus dem Keimling wird nun im Laufe der Zeit eine stabile Pflanze. Folgerichtig wird aus der inoffiziellen im Juni 1972 eine offizielle Partnerschaft, als in Longbenton die Partnerschaftsurkunden unterzeichnet werden.

Die Partnerschaftsurkunde aus dem Jahre 1972
War der Austausch zunächst auf Schüler der Realschule begrenzt, so sind sich die Vertreter beider Städte bei einem Besuch einer Delegation aus Oer-Erkenschwick in Longbenton darüber einig, daß "... verstärkt Besuche aus den Bereichen Schule, Jugend und Sport vorzunehmen und dafür ganz bewußt offizielle Begegnungen zurückzusetzen ..." (2) sind. Eine weitere Veränderung in der Partnerschaft ergibt sich durch eine Kommunalreform am 1. April 1974, als aus Longbenton und weiteren sieben umliegenden Städten die Großstadt North-Tyneside entsteht. Was mit Killingworth und seinen 5.000 Einwohnern begann, sich über Longbenton weiterentwickelte, mündet nun in eine Beziehung zu einer Stadt mit mehr als 200.000 (!) Einwohnern; eine Entwicklung, die von Oer-Erkenschwicker Seite zunächst mit gemischten Gefühlen betrachtet wird. Der gute Wille von beiden Seiten bleibt jedoch Garant für das Weiterbestehen der Partnerschaft. Der Schüleraustausch geht unbeirrt weiter. Wie aber kann die Partnerschaft auf eine breitere Basis gestellt werden? Eine gewisse Ratlosigkeit verschwindet und neue Hoffnungen entstehen, als 1979 Karin Kuczera und Friedrich Kerzig, damals Dozenten für Englisch an der VHS in Oer-Erkenschwick, ein Kind aus der Taufe heben, welches sich "Deutsch-Englischer-Freundeskreis" nennt. Rat und Verwaltung sind gerne bereit, die Neugründung zu unterstützen; hier zeichnen sich Möglichkeiten ab, auf vielfältigen Ebenen durch privaten Einsatz die Palette freundschaftlicher Beziehungen und Begegnungen auszubauen. Als besondere Förderer dieser Idee seien neben anderen Stadtdirektor Paul Sadowski, Hauptamtsleiter Wilhelm Stange und Bürgermeister Heinz Netta, dem 1985 auch die Ehrenmitgliedschaft im DEF angetragen wurde, hervorgehoben.
Zunächst wurde versucht, bei Vereinen in North-Tyneside und Oer-Erkenschwick Interesse zu wecken. Die Resonanz aus England war überraschend groß, die Oer-Erkenschwicker verhielten sich zunächst eher "zurückhaltend englisch". Im Herbst 1979 gründete sich in North-Tyneside das Pendant zum DEF, die Twin-Town Association. Das verblüffende an dieser Gründung ist und bleibt die Herkunft der treibenden Kräfte für diese Gründung: Sie entstammen der "Horticultural Society", also dem dortigen "Kleingärtnerverein".
Bereits im Oktober startete die erste Gruppe aus Oer-Erkenschwick in Richtung North-Tyneside. In Gastfamilien untergebracht, schwärmen die Teilnehmer von damals noch heute von der überwältigenden Gastfreundschaft und unvergeßlichen Tagen und Abenden. Der Startschuß für den heute noch gut funktionierenden Familienaustausch erwies sich als ein Volltreffer.
Im Lauf der Jahre erweiterte sich der Austauschbereich auf Sportvereine, Feuerwehr, Friedensgruppe, auf Chöre, Tanzgruppen, Jugend- und Streichorchester und last but not least auf einen verstärkten Schüleraustausch, als das städtische Gymnasium 1984 Beziehungen zur Longbenton High School knüpfte. Obwohl die größtenteils selbständigen Kontakte der Schulen untereinander den DEF kaum belasteten, erwies es sich in der Folgezeit auch manchmal als nicht unproblematisch, die Vielzahl von Besuchern angemessen unterzubringen. Diplomatisches Geschick (manche würden es Überredungskunst nennen) hat bis heute bis auf wenige Ausnahmen eine Unterbringung in Gastfamilien ermöglicht. Dabei half auch das kontinuierliche Anwachsen des Vereins, der bereits 1983 das 100. Mitglied aufnehmen konnte.
Auch die Kommunikation auf offizieller Ebene wurde fortgesetzt, wenn auch auf beiderseitigen Wunsch, auf Sparflamme. Das hat sich jedoch besonders für unsere englischen Freunde bezahlt gemacht, denn im Gegensatz zu uns, die wir schon seit Jahren über vierstellige, zweckgebundene Summen aus dem Haushalt der Stadt verfügen können, lebt die Twin-Town-Association hauptsächlich von Mitgliedsbeiträgen und Veranstaltungserlösen. Gespräche auf "hoher offizieller Ebene" trugen jedoch dazu bei, daß auch North-Tyneside dem dortigen Verein das eine oder andere Mal unter die Arme griff. Das Freundschaft nicht nur schön ist, sondern auch Geld kostet, sollte also nicht unerwähnt bleiben. Während wir bedingt durch die Größe Oer-Erkenschwicks von Zeit zu Zeit an die Grenzen unserer Belastbarkeit stoßen, so ist es in Nordengland die Wirtschaftsentwicklung, die eine Region, geprägt durch Kohle und Stahl, aber auch Schiffsbau und Fischfang im Laufe der letzten Jahre nach Zechen-, Werks- und Werftenschließungen zum "armen Norden" mit annähernd 20% Arbeitslosigkeit werden ließ. Auch diese Tatsache macht es für unsere Freunde jenseits des Kanals zu einem Problem, die Vielfalt der Begegnungen weiterhin zu gestalten. Trotzdem ist auch ihr Wille, weiterhin Menschen zusammenzuführen und so Verständnis für die jeweilige Lebenssituation und -gestaltung zu erzielen, ungebrochen.
Abschließend seien noch zwei Ausführungen gestattet. Neben dem Austauschgeschehen bietet der DEF seinen Mitgliedern und interessierten Oer-Erkenschwicker Bürgern noch eine Vielzahl von Aktivitäten vor Ort. Erwähnt werden sollen hier das Frühlingsfest, die Fahrradtour, die Clubabende, das Grünkohl-Essen, der Weihnachtsmarktstand und die Weihnachtsfeier als feste Bestandteile unserer jährlichen Bemühungen.

Vorstand des Deutsch-Englischen-Freundeskreises im Jahre 1989
(v.l.n.r.: v.Fleischmann, B.Teske, R.Maschke, M.Gabriel, K.Pfeffer, H.Thomann, H.Bock, C.Krumme, B.Schulz, M.Knubbe, E.Lagatz u. B.Gabriel)
Schließlich gab Friedrich Kerzig nach fast 10jähriger Tätigkeit im März 1989 den Vorsitz ab. Er, und viele andere Vorstandsmitglieder, die hier alle aufzuzählen den Platz sprengen würde, haben im Rahmen ihrer Möglichkeiten einen Verein geführt, dessen Ziel die Überwindung von Grenzen verschiedenster Art ist und bleibt. Dem fühlt sich auch der seit April 1989 im Amt befindliche Vorstand mit dem neuen 1. Vorsitzenden Volker Fleischmann, der 2. Vorsitzenden Marlies Gabriel, dem Geschäftsführer Rainer Maschke, dem Kassierer Hermann Thomann, dem Schriftführer Bernhard Gabriel und den Beisitzer/-innen Hildegard Bock, Monika Knubbe, Christa Krumme, Elisabeth Lagatz, Klaus Pfeffer, Bertram Schulz und Barbara Teske verpflichtet.
Rainer Maschke
Anmerkungen
1. vgl. WAZ vom 15.08. 1967: Nach Halluin nun auch englische Partnerschaft für Oer-Erkenschwick ?
2. vgl. WAZ vom 15.03. 1974: Im Windhundrennen läuft "Netta" gegen "Saland"

